20 JAHRE DIESSENER TÖPFERMARKT –
SPIEGEL KERAMISCHER GESTALTUNG

Vom Süddeutschen Töpfermarkt zu Europas wichtigstem Branchentreff

Der frühere Bürgermeister von Diessen, Herbert Kirsch, erinnert sich noch gut: „Im Sommer 2000 mussten wir eine Entscheidung treffen. Damals sollt der Süddeutsche Töpfermarkt, für den Dießen berühmt war, von der Rotterstraße im Westen unserer Marktgemeinde nach Landsberg umgesiedelt werden. Die Töpfer hatten aber nur einen Wunsch: ‚Wir wollen am Ammersee bleiben!‘. Es gab laute Wortgefechte und ich musste als junger Bürgermeister eine Lösung auf den Tisch legen. Schnell und sportlich. Zeit für einen Gemeinderatsbeschluss ist mir nicht geblieben. Es waren nur drei Worte, die ich sagte, und die Zukunft des Marktes war besiegelt: ‚Der Töpfermarkt bleibt!‘.“

Der Startschuss für den Diessener Töpfermarkt war gegeben. Mit neuem Namen und neuem Konzept zog die Veranstaltung in die Seeanlagen, direkt an den Ammersee vor einmaliger Kulisse: Mit Blick auf das weltberühmte Kloster Andechs und das Alpenpanorama mit Deutschlands höchstem Gipfel, der Zugspitze. Als Marktleiter wurde Wolfgang Lösche von der bekannten Diessener Keramiker-Familie gewonnen.

Grabungsfunde belegen immer wieder die lange Tradition der Marktgemeinde. So wurden allein 2015 bei Bauarbeiten in der unmittelbaren Nähe des ältesten Hafnerhauses der Marktgemeinde viele Keramikscherben gefunden. Hafner ist der süddeutsche Begriff für Töpfer oder Keramiker. „Mit diesen Funden wurde der Nachweis erbracht, dass die Produktion von Fayencen in Dießen auf das 16. Jahrhundert zurückgeht“, erläutert Lösche, der sich seit vielen Jahrzehnten als Archäologe mit dem Thema befasst. Diessen habe eine große Bedeutung für die Keramikforschung. „Die Marktgemeinde gilt bisher als die früheste handwerkliche Fayenceproduktion in Süddeutschland.“

Auch auf dem Grundstück der mehr als 75 Jahre alten Lösche-Keramikwerkstatt werden immer wieder historische Scherben gefunden. Das meiste Material ist im Museum auf dem Lösche-Anwesen zu bewundern. Dort ist auch die Jahrhunderte alte Geschichte der Diessener Hafner mit ihren Dekoren und Formen aus der Barockzeit dokumentiert. Einige der Exponate gehen auf das 11. Jahrhundert zurück und erzählen, „wie in einem international anerkannten Hafnerort ein Kunsthandwerk die Zeiten überdauert und heute weiterlebt.“

Zu einem ersten Töpfermarkt in Diessen lud 1978 der Keramiksammler Arthur Sudau ein. Damals noch auf seinem Gartengrundstück in St. Georg, einem Ortsteil oberhalb von Diessen. Sehr schnell wuchsen diese Veranstaltungen. Heute bewerben sich jedes Jahr bis zu 380 Aussteller aus ganz Europa um einen Stand am Ammersee. Der Markt, mit dem Leitmotiv „Keramik am See“,  ist mittlerweile nach den Kaltenberger Ritterspielen nicht nur die zweitgrößte Veranstaltung zwischen Ammersee und Lech und die größte im Fünfseenland. Er hat sich auch zu einem der wichtigsten und umsatzstärksten Branchentreffs in Europa entwickelt. Jedes Jahr wird in den Seeanlagen ein Querschnitt zeitgenössischer europäischer Keramik präsentiert mit Ausstellern aus bis 16 Ländern, darunter Werkstätten aus Frankreich, England, Spanien, Belgien, Österreich, Polen und sogar China, so den berühmten französischen Werkstätten aus La Borne oder Eddie Curtis aus England oder German des Juana aus Spanien.Von Gebrauchskeramik für Haus und Garten bis zu grandiosen und abstrakten Kunstwerken reicht die Palette keramischer Vielfalt. Viel beachtet wird immer wieder die „lebendige Werkstatt von Georgos Tziligkakis aus Kreta, wo live überdimensionale Vorratsgefäße hergestellt werden. Der Enkel von Nikos Kavgalakis, bis zu seinem Tod immer dabei in Dießen, führt diese Tradition fort.

Neben den Ständen der Werkstätten wird in den Seeanlagen Keramik auch in einem zentralen Ausstellungpavillon gezeigt. Alljährlich wird zudem der mittlerweile mit 4000 Euro dotierte, der Firma Rohde, dem gleichnamigen Brennofenhersteller gestiftete Keramikpreis vergeben, jedes Mal unter einem anderen Motto. Während des Marktes wird ein Keramikweg durch den Ort veranstaltet. Dann öffnen bekannte Diessner Werkstätten und Studios ihre Pforten. Zudem gibt es Ausstellungen im Diessener Taubenturm, im Traidtcasten am Marienmünster sowie im Keramikmuseum Lösche. Eine schon fast „alte“ Tradition ist die morgendliche Dampferfahrtüber den Ammersee nach Dießen, zu der jedes Jahr die Ehrengäste aus Wirtschaft, Politik und Kultur geladen werden.

Zwischen 50 000 und 60 000 Besucher lockt der Diessener Töpfermarkt jedes Jahr an. Die Keramikfans kommen mittlerweile aus einem Umkreis von etwa 300 Kilometern an den Ammersee, sogar aus Italien, Österreich oder der Schweiz. Besondere Bedeutung hat der Diessener Töpfermarkt aber auch deswegen, weil nicht nur Sammler, sondern auch Vertreter von bedeutenden Galerien und Museen nach Dießen fahren. So ist hier beispielsweise fast jedes Jahr die Pinakothek der Moderne aus München präsent.